Digitale Zahlungen
Südkorea wählt Toss Payments zur Förderung der CBDC-Händleranbindung aus, bestehende POS-Terminals müssen nicht ausgetauscht werden.
Das südkoreanische Ministerium für Wissenschaft und IKT hat Toss Payments als bevorzugten Verhandlungspartner ausgewählt, um das CBDC-Projekt Hangang mit den POS-Terminals von Händlern zu verbinden. Verbraucher können mit dem digitalen Won bezahlen, ohne dass Kassenhardware ausgetauscht werden muss. Diese Zusammenarbeit soll voraussichtlich Millionen kleiner Händler umfassen.
Südkorea wählt Toss Payments für CBDC-Händleranbindung aus; bestehende POS-Terminals müssen nicht ausgetauscht werden
Südkorea bringt die Zentralbank-Digitalwährung (CBDC) von der politischen Erprobung zur kommerziellen Anwendung. Wie TechTimes berichtet, haben das Ministerium für Wissenschaft und ICT (MSIT) und die Korea Internet & Security Agency (KISA) Toss Payments als bevorzugten Verhandlungspartner ausgewählt, um das von der Bank of Korea geleitete Deposit-Token-Netzwerk von Project Hangang mit den POS-Terminals der Händler zu verbinden. Der Vertrag hat einen Wert von rund 9,6 Milliarden KRW (etwa 6,7 Millionen US-Dollar) und bedeutet, dass Millionen kleiner Händler CBDC-Zahlungen akzeptieren können, ohne ihre Geräte austauschen zu müssen.
Branchenhintergrund
Um diese Transaktion zu verstehen, muss man sich zunächst den technischen Weg der südkoreanischen Zentralbank-Digitalwährung vergegenwärtigen. Project Hangang ist keine Retail-CBDC, sondern nutzt eine zweistufige Architektur aus Wholesale-CBDC und Deposit-Token. Die Bank of Korea gibt nur an Finanzinstitute eine Großhandelsversion des digitalen Won aus; die Geschäftsbanken schaffen darauf aufbauend Deposit-Token und verteilen sie an Verbraucher. Deposit-Token sind Forderungen gegenüber der Bank. Sie unterscheiden sich von Stablecoins – Stablecoins sind Forderungen gegenüber dem Emittenten und können Reserve- und Kreditrisiken ausgesetzt sein. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) wies im April 2023 darauf hin, dass Deposit-Token, da sie in Zentralbankgeld abgerechnet werden, die Einheitlichkeit des Geldes besser wahren können als Stablecoins. Project Hangang ermöglicht über ein „Burn-and-Issue“-Protokoll zudem eine atomare Abwicklung zwischen den Banken, wodurch Teilabwicklungs- und Kreditrisiken entfallen.
Die Lösung für die südkoreanische Zentralbank-Digitalwährung ist kein isoliertes Experiment. Viele Zentralbanken weltweit erwägen ähnliche Architekturen; Südkorea hat sich für den Weg entschieden, die Akzeptanzproblematik durch Kompatibilität mit vorhandenen Händlerterminals zu lösen.
Aktuelle Entwicklungen
Im Rahmen des von MSIT und KISA ausgerichteten Programms „2026 Blockchain-Innovations-Leitprojekt“ wird der Vertrag vom Korea Financial Telecommunications & Clearings Institute (KFTC) geleitet und gemeinsam mit neun Geschäftsbanken, acht Zahlungsgateway-Anbietern und zwei großen Einzelhändlern umgesetzt. Die Tests mit echten Händlerdaten sind für die zweite Jahreshälfte 2026 vorgesehen. Toss Payments wird seine etablierte Zahlungsgateway-Infrastruktur und seine Händlerbeziehungen nutzen, um als Brücke zwischen Verbraucher-Wallets und den Acquirer-Systemen der Händler zu fungieren. Der Kern dieses Designs ist die „Abwärtskompatibilität“: Händler müssen weder ihre Terminals austauschen noch ihre Backend-Integration neu aufbauen. Zahlen Verbraucher per QR-Code-Scan oder Nahfeldkommunikation über ihre Bank-Wallet, wandelt Toss Payments die Deposit-Token-Transaktionen im Hintergrund in abgerechnete Zahlungssignale um, die bestehende Händlerterminals empfangen können.
Toss Payments ist die Zahlungsgateway-Tochtergesellschaft von Viva Republica, dem Betreiber der südkoreanischen Super-App. Das vorhandene Händlernetz war ein wichtiger Grund für die Auswahl. Im Projekt übernimmt Toss Payments einen Teil der Entwicklungs- und Betriebsaufgaben aus dem Gesamtauftragswert von rund 9,6 Milliarden KRW; rund 3 Milliarden KRW sind speziell für Entwicklung, Betrieb und Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen sowie von Start-ups vorgesehen. Zugleich planen beteiligte Banken und weitere Institutionen, zusätzlich rund 4,5 Milliarden KRW beizusteuern.Der Fortschritt von Project Hangang zeigt auch, warum dieser Vertrag zustande kam. In der ersten Phase (April–Juni 2025) wurde gemeinsam mit sieben Banken und rund 12.000 Händlern getestet; dabei entstanden etwa 115.000 Transaktionen, doch das gesamte Zahlungsvolumen betrug rund 692 Millionen KRW (etwa 483.000 USD) – im Vergleich zu den Investitionen der beteiligten Banken von jeweils rund 30 bis 35 Milliarden KRW ein eher geringer Betrag. Die zweite Phase (Start im März 2026) wurde auf neun Banken ausgeweitet; hinzu kamen biometrische Zahlungen, P2P-Überweisungen, automatisches Aufladen und regelmäßige Zahlungen. Über Smart Contracts wurden außerdem erstmals echte staatliche Subventionen ausgezahlt – etwa Zuschüsse zum Laden von Elektrofahrzeugen –, um die Mittelströme der Subventionen zu kontrollieren. Am 15. Juli 2026 wurde das Projekt von der südkoreanischen Finanzaufsichtskommission als „innovativer Finanzdienst“ eingestuft, was neun Banken erlaubt, Einlagentoken an bis zu 500.000 Nutzer auszugeben. Groß angelegte Echtzeittransaktionen sind für September geplant.
Auswirkungen auf das Finanzsystem
Bemerkenswert ist, dass Toss Payments als Zahlungsgateway selbst eine wichtige Finanzmarktinfrastruktur darstellt. Die Zusammenarbeit könnte weitreichende Auswirkungen auf Zahlungseffizienz, finanzielle Inklusion, Bankenwettbewerb, Compliance-Kosten und Risikomanagement haben.
Zahlungseffizienz: Durch das Burn-and-Mint-Protokoll und das Proof-of-Authority-Modell auf Hyperledger Besu, bei dem die südkoreanische Zentralbank als einziger Validator fungiert, kann die Transaktionsfinalität gewährleistet werden. Die atomare Abwicklung zwischen den Banken eliminiert das Kontrahentenrisiko und bietet im Vergleich zu herkömmlichen Retail-Zahlungssystemen das Potenzial für einen 24/7-Betrieb. Allerdings bleibt der Offline-Abgleich zwischen DCS und BOK-Wire+ eine Schwachstelle.
Finanzielle Inklusion: Da Händler weder ihre Terminals austauschen noch zusätzliche Integrationen vornehmen müssen, können kleine Händler CBDC zu Grenzkosten von null akzeptieren. Frühere CBDC-Pilotprojekte weltweit wurden oft durch Händlerwiderstand verlangsamt. Wenn sich das koreanische Modell durchsetzt, könnte es anderen Zentralbanken als Vorbild dienen.
Bankenwettbewerb: Toss Payments tritt als Nichtbank direkt in den Händler-Acquiring-Bereich der Zentralbank-Digitalwährung ein – das ist gleichbedeutend damit, Finanztechnologieunternehmen in die zentrale Zahlungsinfrastruktur zu holen. Dies entspricht demselben Trend wie Open Banking und digitale Banken: Die Banken behalten die Einlagen- und Kontofunktion, während die Rolle als Zahlungskontaktpunkt möglicherweise an andere übergeht.
Compliance-Kosten: Da alle Transaktionen online stattfinden und programmierbare Bedingungen verwendet werden, können Aufsichtsbehörden die Geldströme in Echtzeit überwachen. Smart Contracts prüfen automatisch die KYC/AML-Anforderungen; theoretisch können sie die manuellen Kosten für Meldungen verdächtiger Transaktionen senken, doch ein ungeeignetes Design könnte die Compliance-Prüfung auch erschweren.
Risikomanagement: In der zweistufigen Architektur bleiben die Einlagentoken Bankeinlagen und unterliegen der Einlagensicherung, was das Kreditrisiko verringert. Die technologischen Risiken konzentrieren sich jedoch auf den einzigen Validierungsknoten der Zentralbank, weshalb auch robustere Fehlertoleranzmechanismen erforderlich sind.
Herausforderungen
Auch wenn die Branche die Aufnahme von Toss Payments allgemein als positiven Fortschritt betrachtet, stehen der Einführung der digitalen Zentralbankwährung in Südkorea noch viele Hindernisse bevor.Datenschutz und Cybersicherheit: Alle Transaktionen werden in einem von der Zentralbank betriebenen Ledger erfasst. Trotz der Verwendung einer Permissioned Blockchain können Datensilos zu Single Points of Failure und Datenschutzproblemen führen. Jedes groß angelegte Zahlungssystem muss sich vor Cyberangriffen und internen Datenlecks schützen. Wie Zugriffsrechte gestaltet und geprüft werden, beeinflusst die öffentliche Akzeptanz.
Technologieintegration: Die Kluft zwischen DCS und BOK-Wire+ ist noch nicht geschlossen. BOK-Wire+ wurde 1994 eingeführt und läuft nur an Werktagen von 9:00 bis 20:00 Uhr. Derzeit erfolgt der Abgleich der beiden Systeme über eine Offline-Übertragung mittels verschlüsselter USB-Medien, wobei die Wholesale-CBDC-Salden der Banken über einen täglichen Schnappschuss um 15:00 Uhr erfasst werden. Diese „Übergangsregelung“ kann die Anforderungen an eine echte 7×24-Stunden-Abwicklung nicht erfüllen; insbesondere wenn Zahlungsvolumen und Nutzerzahlen deutlich steigen, werden die Engpässe umso deutlicher.
Regulatorische Unsicherheit: Obwohl die südkoreanischen Finanzaufsichtsbehörden der zweiten Phase grünes Licht gegeben haben, ist die Gesetzgebung rund um CBDC und Einlagen-Token noch unvollständig. Die jüngste konservative Haltung der USA gegenüber CBDC verleiht diesem technologischen Fortschritt eine gewisse geopolitische Dimension und erschwert zusätzlich die internationale Interoperabilität.
Quellennutzung · fintechdaily
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